Kartause Ittingen, Warth im Thurgau
Man könnte morgens mit einem ziemlich kurzen Einkaufszettel in die Kartause Ittingen kommen: Brot, Käse, Fleisch, Äpfel, Kräutertee. Nur einkaufen müsste man nichts. Das Brot kommt täglich aus dem eigenen Holzofen, Käse und Joghurt aus der Käserei, Fleisch aus der Metzgerei, Äpfel vom Hof und die Kräuter für den Tee aus der Gärtnerei. Selbstversorgung klingt hier nicht nach Verzicht. Eher nach einem erstaunlich gut gefüllten Frühstücksbuffet.
Dabei ist die Idee älter als jedes Nachhaltigkeitssiegel. Ittingen war jahrhundertelang ein Kartäuserkloster, und zu einem Kloster gehörte Landwirtschaft. Man produzierte, was man zum Leben brauchte. Wein spielte eine besonders wichtige Rolle; ab Mitte des 18. Jahrhunderts wurde er zu einer bedeutenden Einnahmequelle des Klosters. Heute führt die Stiftung Kartause Ittingen diese Tradition ohne Mönche weiter – dafür mit Landwirtschaft, Gärtnerei und einer bemerkenswerten Zahl eigener Werkstätten und Verarbeitungsbetriebe.
Rund 200 Erzeugnisse entstehen in Ittingen. Milch wird vor Ort zu Käse verarbeitet, Fleisch zu Würsten, Obst wird gedörrt, Kräuter wachsen für Küche und Tee. Dazu kommen Gemüse, Getreide und Ölsaaten, Eier, Wein und Edelbrände sowie Regenbogenforellen aus eigener Zucht. Zwischen Melkstand und Käserei liegen weniger als 300 Meter, der Kräutergarten befindet sich gleich bei der Küche, die Rebberge umgeben die ehemalige Klosteranlage. Viel kürzer lässt sich eine Lieferkette kaum organisieren.
Die Küche hat daraus eine hübsch nüchterne Maßeinheit gemacht: 0 Kilometer. Diesen Stempel bekommt ein Gericht, wenn sämtliche Zutaten aus Ittingen stammen. Das ist mehr als die übliche Behauptung, man koche „regional“. Denn Regionalität kann ziemlich groß werden, wenn ein Prospekt sie erklären muss. Null Kilometer lassen wenig Spielraum. Was der eigene Betrieb nicht liefern kann, bezieht die Kartause bevorzugt aus der Umgebung; Gemüse etwa wird möglichst in einem Radius von fünf bis zehn Kilometern gesucht.
Und dann wäre da noch das Hotel. 68 moderne Zimmer verteilen sich in der historischen Anlage, umgeben von Rebbergen, Obstbäumen und Gärten. Aus dem ehemaligen Kloster sind außerdem zwei Museen, Seminar- und Veranstaltungsräume und das Restaurant Mühle geworden. Dass zwischen all dem weiterhin gesät, gemolken, gekäst, gebacken und gekeltert wird, bewahrt den Ort vor jener musealen Ehrfurcht, die historische Mauern gelegentlich etwas anstrengend macht. Die Kartause ist ein Baudenkmal, aber eben eines mit Arbeitsschuhen.
Sogar das Holz aus dem eigenen Wald bleibt im Kreislauf. Es heizt unter anderem den Backofen, wird in der Schreinerei verarbeitet und dient der Küferei für Fässer. Selbstversorgung bedeutet hier also nicht nur, dass hinter dem Hotel ein Kräuterbeet steht. Sie zieht sich durch einen ganzen Betrieb. Anderswo lässt sich der Weg vom Feld zum Teller verfolgen. Hier verzweigt er sich in Stall, Käserei, Metzgerei, Fischzucht, Garten, Rebberg und Backstube.
Man nennt das heute Farm to Table. Die Kartäuser hätten vermutlich einfach Mittagessen dazu gesagt.
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Diese Reportage erschien in Ausgabe 13 des 1st Class Traveller. Das komplette Heft mit allen Reisen, Hotels und Geschichten erhalten Sie hier.
