Hundert Meter bis zum Teller

Hundert Meter bis zum Teller

L’Aubier, Montezillon am Neuenburgersee

Morgens und abends wird gemolken. Die Kühe tragen Hörner, fressen ausschließlich Futter vom eigenen Hof und verbringen den Sommer auf der Weide. Am nächsten Morgen kommt ihre Milch in die Kessel der Käserei gleich nebenan. Dort entstehen Käse, Joghurt und Quark. Ein Teil davon wandert weiter ins Restaurant. In L’Aubier lässt sich der viel beschworene Weg eines Lebensmittels erstaunlich genau verfolgen – und für manche Produkte sogar zu Fuß.

Der Hof liegt in Montezillon oberhalb des Neuenburgersees. Seit der Gründung von L’Aubier im Herbst 1979 wird hier biologisch-dynamisch gearbeitet. Heute umfasst der Demeter-Betrieb 40 Hektar zwischen 750 und 1.200 Metern Höhe, dazu kommen 30 Hektar Alp. Milchkühe bilden das Herz der Landwirtschaft; außerdem gibt es Rinder, Kälber, einen Stier und Schweine. Silage, chemische Dünger und Pestizide bleiben draußen. Selbst beim Futter ist die Sache eindeutig: Es stammt zu hundert Prozent vom eigenen Hof.

Doch L’Aubier lebt nicht allein von Milch. Auf den Flächen wachsen Weizen, Roggen, Hirse, Hülsenfrüchte und Feldgemüse. Das eigene Getreide wird auf einer Steinmühle gemahlen; aus dem Mehl backt die Küche Brot, Fougasses, Galettes und Kuchen. Rüebli, Kartoffeln, Kürbisse und Randen kommen vom Hof, solange die Ernte reicht. Auch ein Großteil des Rind-, Kalb- und Schweinefleischs im Restaurant stammt aus eigener Haltung. Was L’Aubier nicht selbst erzeugt, kauft die Küche bio-zertifiziert und möglichst regional ein. Das Restaurant arbeitet zu hundert Prozent mit Bio-Produkten.

Man könnte das Kreislaufwirtschaft nennen. Hier sieht sie erfreulich unspektakulär aus: Auf der einen Seite steht eine Kuh, auf der anderen reift ihr Käse. Dazwischen liegen keine anonymen Lieferketten, sondern ein paar Schritte und handwerkliche Arbeit.

Geschlafen wird in 25 individuell eingerichteten Zimmern. 1994 wurde L’Aubier nach eigenen Angaben zum ersten Öko-Hotel der Schweiz gewählt. Fernseher gibt es in den Zimmern bis heute nicht. Die Betten stammen aus Schweizer Produktion, ihre Holzgestelle kommen ohne Metallteile aus, die Bettwäsche besteht aus zertifizierter Bio- und Fairtrade-Baumwolle und wurde in der Schweiz gewebt und konfektioniert. Das alles wirkt weniger wie ein Lifestyleprogramm als wie die Fortsetzung einer Idee, die draußen auf dem Hof begonnen hat.

Und dann ist da die Aussicht. Montezillon liegt hoch über dem Neuenburgersee; bei klarer Sicht reicht der Blick über das Wasser bis zu den Alpen, vom Eiger über Mönch und Jungfrau bis zum Mont Blanc. Selbst die Kühe können ihn aus ihrem Freilaufstall genießen. Man gönnt es ihnen. Schließlich liefern sie einen beträchtlichen Teil dessen, weshalb die Gäste morgens am Frühstückstisch sitzen.

Bei L’Aubier führt der Weg vom Feld ins Zimmer deshalb über einige bemerkenswerte Zwischenstationen: Stall, Käserei, Steinmühle, Backofen und Restaurant.
Hundert Meter können ziemlich lang sein, wenn man alles selber macht.

Mehr Information:

www.aubier.ch

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Diese Reportage erschien in Ausgabe 13 des 1st Class Traveller. Das komplette Heft mit allen Reisen, Hotels und Geschichten erhalten Sie hier.

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