Der Tierarzt und seine Kühe

Der Tierarzt und seine Kühe

Hotel Hinteregger, Matrei in Osttirol

Die Kühe haben Namen. Das klingt zunächst nach jener Bauernhofromantik, mit der sich Hotels in den Alpen gern schmücken. Bei Bernd Hradecky liegt die Sache anders. Er ist Tierarzt und hat die Landwirtschaft des Hotel Hinteregger in Matrei in Osttirol neu organisiert. Im Sommer weiden die Tiere auf der hoteleigenen Alm im Innergschlöss, einem Talschluss des Nationalparks Hohe Tauern. Später begegnet man einem Teil von ihnen wieder – auf der Speisekarte.

Das Hinteregger macht aus dieser Nähe zur Landwirtschaft kein kulinarisches Theater. Gemüse und Kräuter wachsen im eigenen Garten, Kraut und Kartoffeln auf dem Feld. Das Fleisch stammt großteils vom eigenen Hof, den Apfelsaft presst die Familie aus eigenem Obst. Auf der Karte stehen etwa Carpaccio vom Rind aus eigener Landwirtschaft, Zwiebelrostbraten und Tafelspitz. Regionalität lässt sich hier ziemlich präzise vermessen: vom Stall über Garten und Acker bis zum Teller.

Wer deshalb ein rustikales Bauernhotel erwartet, hat die Rechnung ohne Familie Hradecky gemacht. Das Haus steht mitten in Matrei und pflegt einen auffallend zeitgenössischen Auftritt. Stein, Holz und Lehm treffen auf Glas, klare Linien und große Fensterflächen. Für die Umbauten gab es unter anderem den Tiroler Holzbaupreis 2007, den Tiroler Sanierungspreis 2009 und einen Bauherrenpreis 2010. Im Wellnessbereich setzt sich diese Haltung fort: Naturmaterialien, viel Glas, ein solarbeheizter Naturpool statt alpiner Dekorationslust.

Dabei besitzt das Hinteregger genügend Vergangenheit, um sich Tradition nicht erst ausdenken zu müssen. Seit 1900 gehört der Gasthof der Familie; von Generation zu Generation ging er jeweils an eine Tochter über. Die Urgroßmutter der heutigen Gastgeberin Katharina Hradecky begann mit einem „schönen Zimmer“ und sieben Strohsäcken im zweiten Stock. Später gab es vier Fremdenzimmer – mit Waschlavoir und Topf im Nachtkastl.

Und dann war da noch das Kino. Wo heute das moderne Restaurant liegt, betrieb die Familie einst das Dorfkino. Vor den Vorstellungen und in den Pausen verkaufte Katharinas Urgroßmutter Zuckerln, Bier, Schnaps und Säfte. Als „Vom Winde verweht“ gezeigt wurde, kamen laut Familienchronik sogar Zuschauer aus Lienz nach Matrei. 1962 verschwanden Kino und Theatersaal zugunsten neuer Gästezimmer. Geblieben ist ein hübscher Nachhall: Eine Zimmerkategorie des Hotels heißt heute „Großes Kino“.

Vielleicht erklärt diese Geschichte, warum das Hinteregger mit Gegensätzen so gelassen umgeht. Bauernstube und moderne Architektur, Naturpool und Kartoffelacker, Hotelküche und Kuhstall müssen hier nicht auf denselben Stil getrimmt werden. Sie gehören ohnehin zusammen.

Und während der Gast hinter Glas, Lärchenholz und Lehm schläft, stehen Hradeckys Kühe im Sommer oben im Innergschlöss. Mit Aussicht auf die Hohen Tauern. Und selbstverständlich mit Namen.

Mehr Information:

https://hotelhinteregger.at/de

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Diese Reportage erschien in Ausgabe 13 des 1st Class Traveller. Das komplette Heft mit allen Reisen, Hotels und Geschichten erhalten Sie hier.

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