Posch. Wein gut zum Lesen, Pischelsdorf am Kulm in der Oststeiermark
Der Kulm steht über der Oststeiermark wie ein grünes Ausrufezeichen. Schon vor Jahrtausenden siedelten Menschen auf dem markanten Berg; auch die Kelten hinterließen ihre Spuren. Heute wachsen an seinen sonnigen Hängen Wein und Obst. Auf halber Höhe, am Hollerberg oberhalb von Pischelsdorf, haben Andrea und Andreas Posch diesem alten Kulturland noch etwas hinzugefügt, womit vermutlich auch die Kelten nicht gerechnet hätten: Literatur.
Die Familie Posch baut hier seit Jahrzehnten Wein an. Der Ort selbst reicht in der Überlieferung noch viel weiter zurück: Bereits 1188 soll an diesem geschichtsträchtigen Terroir ein Kellerstöckl erwähnt worden sein. Heute entstehen hier Weine, Säfte und Destillate – und eine ziemlich eigenwillige Verbindung von Landwirtschaft und Leselust. Andreas ist der Winzer, Andrea die leidenschaftliche Leserin. Gemeinsam nennen sie ihr Weingut: „Wein gut zum Lesen.“
Das ist kein Wortspiel, das eine Werbeagentur nach dem dritten Glas erfunden hat. Bei Posch wird tatsächlich gelesen. Im Lesekeller stehen Bücher zum Schmökern und Tauschen neben den Produkten des Weinguts; zugleich dient er rund um die Uhr als Weinshop. Es gibt Lesungen, darunter Veranstaltungen draußen im Weingarten, und selbst die Weine dürfen literarische Ambitionen entwickeln. Einer heißt „Der graue Gatsby“. F. Scott Fitzgerald hätte daran vielleicht sogar Gefallen gefunden. Auf Long Island wächst schließlich auch Wein.
Natürlich bleibt Posch zuerst ein landwirtschaftlicher Betrieb. Der Wein beginnt draußen, in den Reben, und endet ein paar Meter weiter im Glas. Wer zur Buschenschankzeit kommt, sitzt bei einer Jause und schaut hinaus in jene oststeirische Landschaft, deren Hügel sich gern gegenseitig die Aussicht verstellen. Nur der Kulm spielt in einer anderen Liga. Mit 975 Metern überragt er das Land und dient seit Jahrtausenden als Orientierungspunkt.
Und genau hier endet unsere Reise vom Feld ins Zimmer mit einer kleinen Unregelmäßigkeit: Bei Posch gibt es kein Zimmer. Das Weingut ist kein Hotel und will auch keines sein. Wer nach Wein, Jause und ein paar Kapiteln nicht mehr weiterfahren möchte, muss sich ein Bett in der Umgebung suchen. Das ist für diese Geschichte kein Mangel, sondern beinahe eine Pointe. Fünfmal haben wir verfolgt, wie Landwirtschaft bis ins Hotel reicht. Am Hollerberg führt der Weg eben nicht vom Weingarten ins Zimmer, sondern vom Weingarten zum Bücherregal. Und manchmal bleibt man dort länger hängen als geplant. Während unten in Pischelsdorf langsam die Lichter angehen und über dem Hof der Kulm dunkel wird, braucht es nicht mehr viel: ein Glas Wein, einen freien Stuhl und ein Buch, das besser ist als sein Klappentext.
Man muss schließlich nicht überall schlafen, wo man gern noch ein bisschen bleiben würde.
Mehr Information:

Diese Reportage erschien in Ausgabe 13 des 1st Class Traveller. Das komplette Heft mit allen Reisen, Hotels und Geschichten erhalten Sie hier.
