Mit maximal 192 Gästen, Zodiacs statt Ausflugsbussen und einem Expeditionsteam statt Daueranimation fährt die SH Diana dorthin, wo klassische Kreuzfahrtrouten enden. Auf einer Reise entlang der Westküste Afrikas zeigt sich, wofür Swan Hellenic sein größtes Expeditionsschiff gebaut hat.
Vor Ilha dos Tigres gibt es kein Kreuzfahrtterminal. Keine Gangway führt in ein klimatisiertes Hafengebäude, kein Ausflugsbus wartet am Kai. Vor der Küste Angolas liegt eine verlassene Siedlung zwischen Atlantik und Sand. Wer hinüberwill, braucht ein kleines Boot – und zunächst einmal ein Schiff, das einen solchen Ort überhaupt ansteuert.Hier versteht man die SH Diana. Sie ist kein Kreuzfahrtschiff, dem man ein paar Schlauchboote aufs Deck geschnallt hat. Sie wurde für Reisen gebaut, bei denen das Schiff vor allem eines können muss: seine Gäste möglichst nah an Orte bringen, die auf gewöhnlichen Routen kaum vorkommen. Dafür stehen Zodiacs bereit, dafür gibt es ein Expeditionsteam und Vorträge statt Daueranimation.
Der Luxus liegt nicht nur an Bord. Er besteht auch darin, irgendwo anzukommen, wo nicht schon fünf andere Schiffe liegen.
Swan Hellenic: eine kleine Flotte für große Reisen
Swan Hellenic führt seine Geschichte bis in die 1950er-Jahre zurück. Die heutige Reederei knüpft an diese Tradition kulturell geprägter Expeditionsreisen an und betreibt drei moderne Expeditionsschiffe: SH Minerva, SH Vega und SH Diana. Die beiden Schwesterschiffe SH Minerva und SH Vega nehmen jeweils maximal 152 Gäste auf. Die 2023 in Dienst gestellte SH Diana ist größer. In ihren 96 Kabinen und Suiten reisen höchstens 192 Passagiere. Mit 124,9 Metern Länge bleibt sie dennoch weit entfernt von den Dimensionen großer Kreuzfahrtschiffe. Das ist Absicht. Expeditionsschiffe müssen wendig sein, kleine Häfen anlaufen und in Regionen operieren können, in denen eine perfekte touristische Infrastruktur eher Ausnahme als Regel ist. Die SH Diana wurde zudem für Reisen in polare Regionen konstruiert. Sie besitzt die Eisklasse Polar Class 6, große Stabilisatoren sowie einen dieselelektrischen Hybridantrieb mit Batteriepaket. Auch SH Vega und SH Minerva wurden für Expeditionen in Arktis und Antarktis gebaut. An Afrikas Westküste braucht man keine Eisklasse. Die Robustheit und Beweglichkeit eines solchen Schiffes sind dennoch willkommen.

192 Gäste verändern die Reise
Die Zahl ist wichtiger, als sie zunächst klingt. Mit maximal 192 Passagieren entsteht an Bord keine schwimmende Kleinstadt. Nach einigen Tagen kennt man Gesichter, begegnet Mitgliedern des Expeditionsteams wieder und verschwindet nicht in einer anonymen Masse. Klein bedeutet auf der SH Diana allerdings nicht spartanisch. An Bord gibt es Restaurant, Lounge und Bar, Bibliothek, Fitnessbereich, Sauna und Spa. Draußen warten Pool und Whirlpools. Vor allem aber gibt es Deckflächen, auf denen man das tun kann, was auf einer Expeditionsreise erstaunlich wichtig wird: hinausschauen. Die Kabinen reichen von Oceanview-Kategorien über Balkonkabinen bis zu Junior Suiten, Suiten und Premium Suiten. Gerade auf längeren Reisen wird Wohnraum an Bord zu einer anderen Größe als auf einem Wochenendtrip. Ein Balkon ist dann nicht nur Ausstattungsmerkmal, sondern ein privater Logenplatz auf einen Ozean, der sich jeden Morgen verändert. Auch die Kleiderordnung hält sich angenehm zurück. Sportlich-legere Kleidung passt tagsüber ebenso wie beim Abendessen. Smoking und Abendkleid dürfen zu Hause bleiben. Für die Landgänge zählt ohnehin etwas anderes: Kleidung muss funktionieren.

Das Programm wartet draußen
Wer Kreuzfahrtunterhaltung mit großen Shows, Animation und einem dicht gefüllten Abendprogramm verbindet, findet auf der SH Diana ein anderes Konzept. In der Lounge gibt es unter anderem Pianomusik; das eigentliche Programm aber liefert die Reise. Vor den Landgängen bereitet das Expeditionsteam die Gäste mit Vorträgen und Briefings auf die nächste Station vor. Experten erklären Geschichte, Kultur, Natur oder Geologie einer Region. Am Abend erfährt man, was am nächsten Morgen geplant ist, wann die Zodiacs starten und worauf an Land zu achten ist. Das mag weniger spektakulär klingen als eine Bühnenshow. Vor einer Küste wie der Westafrikas bekommt es plötzlich einen Sinn.

Denn hier liegen zwischen den bekannten Namen Orte, die kaum auf klassischen Kreuzfahrtrouten auftauchen. Swan Hellenic befährt diese Küsten seit mehreren Jahren und hat nach Angaben des Veranstalters Kontakte zu lokalen Gemeinden und Behörden aufgebaut. Davon profitieren die Gäste nicht nur bei der Organisation und Sicherheit. Solche Beziehungen können Zugänge zu Orten ermöglichen, die große Reisegruppen kaum erreichen. Ilha dos Tigres in Angola gehört dazu. Die einst bewohnte Insel wurde in den 1970er-Jahren verlassen, nachdem ihre Wasserversorgung zusammengebrochen war. Heute stehen die Überreste der Siedlung im Sand. Kein Terminal, keine Promenade, keine vorbereitete touristische Kulisse.
Genau deshalb fährt man hin.
Mit dem Zodiac beginnt die eigentliche Expedition
Wo kein geeigneter Hafen vorhanden ist, übernehmen die Zodiacs. Die robusten Schlauchboote gehören deshalb nicht zum Freizeitprogramm, sondern zur Infrastruktur des Schiffes. Zodiacfahrten sind im Reisepreis enthalten. Nach den Angaben zu den angebotenen Reisen gehört mindestens ein Landprogramm pro Anlandung zum inkludierten Programm; je nach Route können weitere Ausflüge gebucht oder individuelle Programme organisiert werden. Dabei zeigt sich auch der Vorteil einer überschaubaren Passagierzahl. Knapp 200 Menschen lassen sich anders an Land bringen als mehrere Tausend. Trotzdem verlangt jede Anlandung Organisation. Wetter, Seegang, Hafenbehörden und örtliche Bedingungen können Pläne verändern. Wer auf Expedition geht, sollte deshalb eine gewisse Beweglichkeit nicht nur vom Schiff erwarten. Das Expeditionsteam begleitet die Landgänge und liefert den Kontext dazu. Das ist gerade in Ländern wichtig, die vielen europäischen Reisenden wenig vertraut sind. Ein Hafen allein erzählt schließlich noch keine Geschichte.

An Bord: essen, lesen, reden – und wieder hinaus
Zwischen den Landgängen kehrt Ruhe ein. Frühstück und Mittagessen werden überwiegend als Buffet angeboten, am Abend stehen verschiedene Menüs zur Wahl. Die Küche ist international ausgerichtet und verarbeitet nach Veranstalterangaben auch regionale Zutaten. Besondere Ernährungswünsche sollten vor der Reise angemeldet werden; Wasser, Tee und Kaffee stehen rund um die Uhr bereit. Doch der Bordalltag richtet sich stärker nach der Route als nach festen Unterhaltungszeiten. Ein Vortrag am Nachmittag bereitet auf den nächsten Tag vor. Danach vielleicht ein Drink an der Bar, ein Buch in der Bibliothek oder ein Gang nach draußen.
Auf längeren Reisen bekommt dieser Rhythmus seinen Reiz: ankommen, hinausfahren, zurückkehren, verstehen, was man gesehen hat – und weiter.
Das Publikum ist international. Als Bordsprachen werden Englisch, Deutsch, Französisch und Spanisch angeboten; bei Ausflügen können die Teilnehmer nach Sprachkenntnissen in Gruppen eingeteilt werden. Auf einem internationalen Schiff bleibt Englisch dennoch die wichtigste gemeinsame Sprache.
Westafrika verlangt andere Maßstäbe
Eine Reise von Kapstadt entlang der Atlantikküste nach Norden hat wenig mit einer klassischen Mittelmeerkreuzfahrt gemein. Namibia, Angola, die Republik Kongo, Gabun, São Tomé und Príncipe oder Ghana verfügen nicht überall über Häfen und touristische Strukturen, wie Kreuzfahrtgäste sie aus etablierten Revieren kennen. Gerade das macht diese Route interessant.
Nicht jede Station lässt sich Monate im Voraus bis ins letzte Detail planen. Wetter und Behörden reden mit. Manchmal ändern sich Abläufe. Manchmal wird aus einem vermeintlich unscheinbaren Landgang der Tag, über den beim Abendessen alle sprechen. Swan Hellenic bietet einzelne Abschnitte entlang der afrikanischen Atlantikküste an und verbindet Etappen zu längeren Grand Voyages. Für 2027 sind nach den vorliegenden Reiseinformationen unter anderem eine 46-tägige Fahrt ab Kapstadt durch 14 Länder sowie im Herbst eine 51-tägige Reise ab Lissabon über 15 Länder bis nach Südafrika vorgesehen. Solche Reisen richten sich weniger an Menschen, die möglichst viele Sehenswürdigkeiten in möglichst kurzer Zeit abhaken wollen. Ihr Reiz liegt darin, einer Küste zu folgen und zu erleben, wie Landschaften, Städte und Kulturen sich verändern.
Polaris Tours: Spezialist für die Reiseorganisation
Im deutschsprachigen Markt bietet Polaris Tours Reisen mit Swan Hellenic an. Der Kreuzfahrtspezialist verfügt nach eigenen Angaben über umfangreiche Erfahrung mit Expeditionsreisen und organisiert neben der eigentlichen Schiffsreise auch Vor- und Nachprogramme.
Bei einer Reise ab Kapstadt ist ein Vorprogramm ohnehin eine Überlegung wert. Zwischen Flughafen und Einschiffung liegen schließlich eine der interessantesten Städte Afrikas, der Tafelberg, das Kap und die Weinregion. Wer dafür nur den Blick aus dem Transferbus übrig hat, spart an der falschen Stelle.
Bei entsprechenden Angeboten von Polaris sind auch die Flüge im Reisepreis enthalten. Maßgeblich bleibt das jeweils gebuchte Paket; Leistungen und Preise sollte man deshalb für den konkreten Termin prüfen.
Ein weiterer Punkt ist die Visaorganisation. Auf einer Route durch zahlreiche afrikanische Staaten kann sie schnell unübersichtlich werden. Nach den vorliegenden Informationen übernimmt Swan Hellenic bei entsprechenden Reisen die Abwicklung notwendiger Visaanträge vor Ort beziehungsweise unterstützt die Gäste dabei. Visa können je nach Land und Route auch vor der Reise selbst organisiert werden. Entscheidend sind Staatsangehörigkeit, Route und die zum Reisezeitpunkt geltenden Einreisebestimmungen.
Rucksack statt Abendgarderobe
Expeditionsreisen haben ihre eigenen Accessoires. Gäste erhalten nach Veranstalterangaben eine wiederverwendbare Trinkflasche und einen wasserdichten Rucksack für die Landgänge. Funktionelle Kleidung und vernünftiges Schuhwerk gehören ins Gepäck. Auf Reisen in Arktis und Antarktis wird die Ausrüstung naturgemäß spezieller. Dort stellt Swan Hellenic geeignete Stiefel zur Verfügung; Gäste erhalten außerdem einen Expeditionsparka. An Afrikas Westküste liegen die Prioritäten anders. Hier dürften leichte Kleidung, Sonnenschutz und gutes Schuhwerk häufiger zum Einsatz kommen. Auch das erzählt etwas über die SH Diana: Dasselbe Schiff kann zwischen Eis und Tropen unterwegs sein. Entscheidend ist nicht, wo es gebaut wurde, sondern wohin es seine Gäste bringt.
Der Luxus liegt manchmal an Land
Man kann Luxus auf See in Quadratmetern messen. Man kann Restaurants zählen, Weinkarten vergleichen und die Größe einer Suite diskutieren. Auf einem Expeditionsschiff kommt eine andere Währung hinzu: Zugang.
Zugang zu einer Küste, die nicht für Besucher inszeniert wurde. Zu kleinen Häfen. Zu Inseln ohne Terminal. Zu Landschaften, für die man morgens in ein Zodiac steigt, statt einem Reiseleiter mit hochgehaltenem Schild zu folgen. Natürlich sind eine gute Kabine, ein ordentliches Essen, Sauna und Pool angenehm. Nach einem langen Tag an Land sogar sehr angenehm. Doch sie erklären nicht, weshalb man mit der SH Diana nach Westafrika fährt. Der Grund liegt draußen.
Manchmal hinter der nächsten Flussmündung. Manchmal in einer Stadt, deren Namen zu Hause kaum jemand kennt. Und manchmal auf einer verlassenen Insel vor Angola, auf der der Sand langsam zurückholt, was Menschen dort einst gebaut haben.
Für solche Orte braucht es kein größeres Schiff. Sondern das richtige.

Diese Reportage erschien in Ausgabe 13 des 1st Class Traveller. Das komplette Heft mit allen Reisen, Hotels und Geschichten erhalten Sie hier.
SH Diana auf einen Blick
Reederei: Swan Hellenic
Indienststellung: 2023
Werft: Helsinki Shipyard, Finnland
Länge: 124,9 Meter
Breite: 24,3 Meter
Gäste: maximal 192
Kabinen und Suiten: 96
Decks: 9
Eisklasse: Polar Class 6 (PC6)
Antrieb: dieselelektrischer Hybridantrieb mit Batterieunterstützung
Flotte: SH Diana, SH Vega und SH Minerva
Kabinen: Oceanview, Balcony sowie verschiedene Suiten-Kategorien
An Bord: Restaurant, Lounge, Bar, Bibliothek, Fitnessbereich, Spa, Sauna, Pool und Outdoor-Whirlpools
Expedition: Zodiacs, Expeditionsteam, Vorträge und Briefings
Bordsprachen: Englisch, Deutsch, Französisch und Spanisch
Dresscode: sportlich-leger; funktionelle Kleidung bei Landgängen
Reiseinformationen
Reederei: Swan Hellenic
Veranstalter/Spezialist: Polaris Tours
Westafrika: verschiedene Etappen und kombinierbare Grand Voyages
Reisezeit: je nach Route unter anderem Frühjahr sowie September/Oktober
Ausflüge: Zodiacfahrten inklusive; mindestens ein Landprogramm pro Anlandung nach den vorliegenden Veranstalterinformationen eingeschlossen
Visa: abhängig von Route und Nationalität; Unterstützung beziehungsweise Abwicklung durch Swan Hellenic nach den Bedingungen der jeweiligen Reise
Vor- und Nachprogramme: über Polaris Tours buchbar
Flüge: bei entsprechend ausgeschriebenen Polaris-Angeboten im Reisepreis enthalten



