Manche Dinge werden nicht alt. Sie bekommen nur mehr Geschichte.
Die Handschrift aus Gmunden
Man erkennt sie oft schon von weitem. Diese grünen Linien, schwungvoll über den weißen Grund gezogen, gehören zu Österreich wie Kaffeehaus, Loden und ein gewisser Eigensinn in Geschmacksfragen. Das Grüngeflammte von Gmundner Keramik hat Generationen von Tischen gesehen. Es stand beim Sonntagsfrühstück, überlebte Umzüge und wurde weitergegeben, wenn anderswo längst die nächste Geschirrserie gekauft wurde. Vielleicht liegt sein Reiz gerade darin:
Es will nicht neu aussehen. Es will benutzt werden.

In Gmunden am Traunsee entsteht Keramik seit mehr als 500 Jahren. Die heutige Manufaktur hält dabei an etwas fest, das in einer auf Gleichförmigkeit getrimmten Warenwelt beinahe widerspenstig wirkt: der Handarbeit. Bis zu 60 Arbeitsschritte liegen zwischen Ton und fertigem Stück. Geformt, glasiert, bemalt und gebrannt wird in Gmunden; vor allem die Flammtechnik prägt das Haus. Mit dem Malhorn ziehen die Keramikmalerinnen und -maler die charakteristischen Linien auf Teller, Tassen und Schalen. Keine Hand bewegt sich exakt wie die andere. Genau deshalb sieht auch kein Stück vollkommen aus wie sein Nachbar.
Das ist keine kleine Unregelmäßigkeit, die man der Handarbeit großzügig verzeiht. Sie ist ihr Wert.
Während industrielle Fertigung versucht, jede Abweichung zu beseitigen, hinterlässt der Mensch hier eine Spur. Das Dekor trägt eine Handschrift – und mitunter buchstäblich die Erfahrung vieler Berufsjahre. Das Wissen um Formen, Glasuren und Maltechniken wird in der Manufaktur von einer Generation an die nächste weitergegeben. Gleichzeitig bildet Gmundner Nachwuchs aus. Tradition bedeutet hier also nicht, alte Dinge ehrfürchtig ins Regal zu stellen, sondern zu wissen, wie man sie weiterhin macht.
Dabei ist Gmundner längst nicht beim berühmten grünen Geflammten stehen geblieben. Hirsch, Streublumen und andere klassische Dekore gehören ebenso zum Repertoire; daneben entstehen neue Glasuren, Sonderanfertigungen und Arbeiten mit zeitgenössischen Künstlern. Die Academy of Ceramics bringt internationale Künstler nach Gmunden. Zu den bisherigen Kooperationen zählen Projekte mit Erwin Wurm, Kim Simonsson und Elmar Trenkwalder sowie mit dem MAK in Wien. So wird aus einem Material, das zunächst nach Teller und Kaffeetasse klingt, mitunter Skulptur oder Sammlerstück.
Am überzeugendsten bleibt Gmundner Keramik jedoch dort, wo sie gar nicht versucht, Kunst zu sein: auf dem Tisch. Eine Schale bekommt Kratzer, eine Tasse wird jeden Morgen aus dem Schrank genommen, ein Teller erinnert irgendwann an Menschen und Mahlzeiten. Der Herbst braucht dafür weder „goldene Farbwelten“ noch eine eigens erfundene Tischdekoration. Kürbis, Äpfel, Nüsse oder Trauben vertragen sich ohnehin mit Keramik, die nicht für eine Saison gemacht wurde.
Vielleicht ist das der Unterschied zwischen einem schönen Gegenstand und einem guten: Der schöne gefällt, solange er neu ist. Der gute darf bleiben.
Wo der Wald zu Glas wird
Für Glas braucht man Feuer. Für eine Glashütte brauchte man früher einen ganzen Wald.

Es klingt zunächst nach einem Widerspruch: Ausgerechnet in einer Landschaft aus Fichten, Buchen und Tannen wurde ein durchsichtiges Material zum bestimmenden Handwerk. Doch im Bayerischen Wald lag über Jahrhunderte fast alles bereit, was Glasmacher benötigten. Quarz lieferte den mineralischen Grundstoff. Die Wälder lieferten Holz – zum Heizen der Schmelzöfen und zur Herstellung von Pottasche, die man für die Glasschmelze brauchte. Wo Wald und Quarz zusammenkamen, entstanden Hütten. Und um die Hütten entstanden Siedlungen.
Die Geschichte reicht weit zurück. In Zwiesel ist die Rabensteiner Hütte bereits 1421 urkundlich erwähnt; aus ihr ging später die Kristallglasmanufaktur Theresienthal hervor. Frauenau blickt auf mehr als 650 Jahre Glastradition zurück, eine erste Hütte könnte dort schon um 1420 bestanden haben. Namen wie Glashütt, Spiegelhütte oder Regenhütte verraten bis heute, wie eng Landschaft und Gewerbe miteinander verbunden waren. Romantisch war dieses Leben kaum. Ein Glasofen verlangte unablässig nach Brennstoff. War das Holz rund um eine Hütte knapp geworden, zog die Produktion mitunter weiter. Solche „Wanderhütten“ folgten dem Wald und hinterließen neue Rodungen, Wege und Siedlungen. Glas formte damit nicht nur Kelche und Fensterscheiben. Es prägte die Kulturlandschaft des Bayerischen Waldes. Auch das fertige Glas musste hinaus aus dem Wald. Händler transportierten die empfindliche Ware, in Stroh und Kisten verpackt, über schlechte Straßen zu ihren Kunden. Ein Votivbild von 1607 zeigt ein solches Glasfuhrwerk und gilt als älteste bekannte Darstellung dieser Transporte aus dem Bayerischen Wald. Erst im 19. Jahrhundert nahm die Eisenbahn den Fuhrwerken einen Teil ihrer beschwerlichen Arbeit ab.
Geblieben ist das Wissen. In Frauenau wird noch heute mundgeblasenes Bayerwaldglas hergestellt, in Bodenmais kann man Glasmachern bei der Arbeit zusehen, und Zwiesel entwickelte sich von der 1872
gegründeten Tafelglashütte zu einem international tätigen Glashersteller. Neben maschinell gefertigten Kristallgläsern entstehen dort weiterhin mundgeblasene Stücke. Erfahrung wandert dabei noch immer von einer Generation zur nächsten – nur der Wald muss dafür nicht mehr im Ofen verschwinden.
Vielleicht steht deshalb ausgerechnet bei Regen heute ein zweiter Wald: Bäume aus blauem, grünem und braunem Glas, manche bis zu acht Meter hoch. Kein Wald, der Rohstoff liefert, sondern einer, der sich erinnert. Der Glaskünstler Rudolf Schmid und Initiator Charly Rödl schufen ihn als Hommage an eine Gegend, deren Geschichte ohne Glas anders verlaufen wäre. Und wer wissen will, was aus dieser jahrhundertealten Erfahrung heute geworden ist, muss nur ein paar Kilometer weiterfahren. Nach Zwiesel.
Vom Hüttenfeuer zur Gegenwart
Die Öfen brennen noch, aber die Welt um sie herum hat sich verändert. Zwiesel Glas, 1872 als Tafelglashütte gegründet, produziert heute für Hotels, Restaurants und private Tafeln in aller Welt. Ein großer Teil der Gläser entsteht industriell – und gerade darin liegt eine interessante Fortsetzung der alten Geschichte. Denn Herkunft bedeutet nicht zwangsläufig, dass jedes Stück von Mund und Hand geformt sein muss. Sie kann auch im Wissen darüber liegen, wie ein Material sich verhält, wie dünn ein Rand sein darf, wie ein Stiel Belastungen aushält und wie ein Glas tausende Spülgänge übersteht.
Daneben gibt es weiterhin die andere Welt. In Frauenau veredelt Eisch Gläser von Hand, arbeitet mit Gravur, Schliff und Edelmetallen. In Bodenmais lässt sich bei JOSKA beobachten, wie aus der glühenden Masse ein Gefäß wächst: drehen, blasen, formen, wieder erhitzen. Was früher Alltag eines ganzen Landstrichs war, ist heute Handwerk, Industrie und Kulturgut zugleich.

Vielleicht liegt darin das eigentliche Erbe des Bayerischen Waldes. Nicht darin, Glas so herzustellen wie vor 500 Jahren. Sondern darin, das Wissen um dieses widerspenstige Material nicht zu verlieren. Glas verzeiht wenig. Die Masse ist nur für kurze Zeit formbar, Temperatur und Timing müssen stimmen. Ein Fehler lässt sich nicht einfach zurückspulen.
Wer heute ein Glas aus dieser Region in die Hand nimmt, hält deshalb keinen nostalgischen Gruß aus einer vergangenen Hüttenwelt. Er hält das Ergebnis einer Geschichte, die sich verändert hat, weil sie überleben wollte. Der Wald liefert längst nicht mehr das Feuer.
Aber er gibt dem Glas noch immer seine Adresse.
Schnittfest
Ein gutes Messer wird nicht stumpf. Es wird wieder scharf gemacht.

© C. Jul. Herbertz GmbH / Tom Herion
Es gibt Gegenstände, bei denen Herkunft mehr ist als eine Adresse auf der Verpackung. Bei einem Messer gehört sie beinahe zur Schneide. Solingen trägt den Namen „Klingenstadt“ nicht aus folkloristischer Laune. Seit Jahrhunderten werden hier Klingen geschmiedet, geschliffen und geschärft.
Einer der Namen dieser Geschichte ist C. Jul. Herbertz. Das Unternehmen wurde 1868 in Solingen gegründet – und hat sich seitdem beträchtlich verändert.
Herbertz ist heute nicht nur Messermarke, sondern auch Anbieter und Distributor internationaler Marken. Gerade deshalb lohnt der Blick auf Ceres. Die Küchenmesserserie wird vollständig in Solingen gefertigt und führt einen alten Namen damit wieder sehr konkret an seinen Herkunftsort zurück. Neun unterschiedliche Messer gehören zur Kollektion, vom kleinen Küchenhelfer bis zu den großen Klingen für die tägliche Arbeit am Herd.
Das Interessante daran steckt weniger im Markenlogo als in der Idee dahinter. Ein Küchenmesser gehört zu jenen Dingen, die kaum geschont werden. Es schneidet Zwiebeln und Brot, zerteilt Gemüse, liegt nass neben dem Spülbecken und bekommt irgendwann die ersten Spuren seines Lebens. Genau dort entscheidet sich Qualität: nicht am ersten Tag, wenn die Klinge noch makellos glänzt, sondern nach Jahren. Denn Stahl ist kein Wegwerfmaterial. Eine Schneide wird stumpf, weil ihre feine Geometrie beim Gebrauch leidet. Sie lässt sich richten und neu schleifen. Ein gutes Messer verlangt deshalb etwas, das wir vielen Alltagsgegenständen längst abgewöhnt haben:
Pflege. Schärfen statt ersetzen.
Bei Ceres kommt zur Klinge die Wahl des Griffs. Herbertz bietet die Messer mit dunklem POM oder mit Walnussholz an. Kunststoff ist unempfindlich und präzise, Holz verändert sich. Seine Maserung macht jedes Stück etwas anders; Gebrauch und Pflege hinterlassen Spuren. Das Messer altert sichtbar – und darf es auch.
Das unterscheidet einen Gebrauchsgegenstand von einem Konsumgegenstand. Der eine soll möglichst lange neu aussehen. Der andere soll möglichst lange gut funktionieren. ielleicht liegt darin die eigentliche Schönheit eines guten Messers. Es muss nicht in einer Schublade auf seinen besonderen Auftritt warten. Es darf jeden Tag auf das Brett. Schneiden, stumpf werden, geschärft werden, weiterschneiden.
Herkunft ist bei einem Messer schließlich kein Ort, an den man zurückblickt. Sie zeigt sich darin, wie lange es bleibt.
Faserfest
Leinen wird nicht schöner, obwohl man es benutzt. Sondern weil man es benutzt.
Leinen hat ein kleines Imageproblem: Es knittert. Wer darin einen Mangel sieht, hat den Stoff allerdings missverstanden. Leinen will nicht glatt und unberührt bleiben. Es wird weicher, bekommt Falten, verliert mit den Jahren etwas von seiner anfänglichen Strenge. Gerade darin liegt sein Reiz. Ein gutes Leinentuch sieht nach hundert Wäschen nicht verbraucht aus. Es sieht aus, als gehöre es schon lange hierher.

Am Anfang steht eine Pflanze. Flachs wächst besonders gut in jenem gemäßigten, feuchten Streifen Westeuropas, der von Nordfrankreich über Belgien bis in die Niederlande reicht. Rund drei Viertel der weltweit erzeugten langen Flachsfasern kommen heute aus diesen drei Ländern. Im Frühsommer blühen die Felder für kurze Zeit blau. Später wird der Flachs nicht gemäht, sondern mitsamt dem Stängel aus dem Boden gezogen. So bleibt die Faser möglichst lang. Danach liegt die Pflanze auf dem Feld. Tau, Regen, Sonne und Mikroorganismen lösen bei der sogenannten Röste die Fasern vom holzigen Teil des Stängels. Aus Landwirtschaft wird langsam Textil. Bis daraus ein Stück Leinen wird, braucht es weitere Arbeit: Die Fasern werden gewonnen, gehechelt, versponnen und schließlich verwoben. Einer der Orte, an denen dieses Wissen geblieben ist, liegt im Mühlviertel. In Helfenberg webt Vieböck seit 1832 Leinen. Die Fasern kommen aus Europa, vor allem aus Frankreich, Belgien und den Niederlanden; die Stoffe entstehen ausschließlich in Helfenberg, gefärbt und veredelt wird in Niederösterreich. Aus einem Rohstoff mit klarer Herkunft wird so ein Gewebe, dessen Weg erstaunlich gut nachvollziehbar bleibt.
Vielleicht erklärt das auch, weshalb Leinen so wenig von modischen Versprechen hält. Die Faser ist fest, der Stoff langlebig, und mit dem Gebrauch verändert sich sein Griff. Was anfangs beinahe kühl und streng wirkt, wird geschmeidiger. Die Knitter bleiben. Zum Glück. Denn ein Material, das seine Benutzung nicht verstecken muss, hat unserer Vorstellung vom makellosen Neuen etwas voraus.
Man kann Leinen bügeln, stärken und ordentlich in den Schrank legen. Man kann es aber auch einfach benutzen: als Tischdecke, Geschirrtuch, Vorhang oder Bettwäsche. Waschen, trocknen, wieder auflegen. Irgendwann kennt man die Falten.
Herkunft zeigt sich bei Leinen deshalb nicht nur darin, wo etwas hergestellt wurde. Sondern auch darin, wie selbstverständlich es bleiben darf.

Diese Reportage erschien in Ausgabe 13 des 1st Class Traveller. Das komplette Heft mit allen Reisen, Hotels und Geschichten erhalten Sie hier.
